Archiv für den Monat: August 2014

On the road to happiness

Seit Freitag, den 22. August 2104, strampeln wir unter kundiger Führung von Silke Helfrich und Thomas Handrich dem Leipziger Kongress “Degrowth” entgegen. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierte “politische Radtour – Mit Rückenwind auf den Spuren einer enkeltauglichen Ökonomie” dauert eine gute Woche. Wir besichtigen dabei diverse Projekte im ländlichen Brandenburg und Sachsen-Anhalt, die eine neue Wirtschaftsweise präsentieren – wir würden sagen: glücksökonomische Projekte, weil sie die Lebenszufriedenheit aller Beteiligten erhöhen.

ProjekthausSchild

Die Fahrt beginnt im Projekthaus Potsdam. Nomen est omen: Unter seinen Dächern und in seinem weitläufigen Gelände sind seit 2007 eine ganze Reihe von Initiativen beherbergt. Die alte Fabrikantenvilla, erbaut 1896, dient heute als Jugendbildungsstätte, dort arbeiten heute zudem Antirassismus- und Flüchtlingsinitiativen wie Flüchtlingsrat, Opferperspektive und Women in Exile. Im neuen Passivhaus gibt es sieben Wohneinheiten für etwa 18 Leute. Der Gebäudekauf wurde vom bundesweiten Mietshäuser-Syndikat finanziert.

Das Werkhaus funktioniert ähnlich wie das Haus der Eigenarbeit in München: Man kann dort gegen eine geringe Gebühr für nur vier Euro pro Stunde mit Holz oder Textilien arbeiten, Räder reparieren, den Keramikofen und das Fotolabor nutzen, mit Kindern basteln und vielerlei Dinge treiben. Entsprechend rege ist der Publikumsverkehr. Nachbarn kommen, Jugendliche, internationale Gruppen. Asylsuchende können hier niedrigschwellige Kurse besuchen.

Alle am Projekthaus Beteiligten fällen ihre Entscheidungen basisdemokratisch im wöchentlichen Plenum. Für mich als taz-Gründerin klingt das ein wenig gruselig, denn in den Anfangszeiten der taz haben wir nach demselben Prinzip es geschafft, feste Verantwortlichkeiten und Kompetenzen wegzudelegieren: Alle waren verantwortlich, also niemand. Aber inzwischen sind die basisdemokratischen Methoden ausgefeilter. Es wird niemand niedergestimmt, denn es gilt das Konsens-Verfahren.

Freiland

Nächste Station ist das Freiland Potsdam. Der Name ist gut gewählt, denn in fünf Häusern auf etwa 15.000 Quadratmeter Fläche können sich unter anderem Sprayer in allen künstlerischen Variationen austoben. Hier arbeiten knapp 100 Leute von 40 verschiedenen Initiativen, unter anderem ein Wissenschaftsladen mit Fablab, die Technogruppe Spartacus, das Freie Radio Potsdam, eine Jugendbibliothek, ein Offenes Atelier für Künstler und vieles andere. Auf dem Gelände, das die Stadtwerke vor etwa zweieinhalb Jahren einer Gruppe junger Menschen überließ, gibt es Konzerte, Discoabende, Kleinkunst, Lesungen, politische Veranstaltungen. Auch hier herrscht Basisdemokratie, einmal im Monat wird alles auf dem Plenum besprechen.

Zegg-Garten

Wir radeln weiter zum Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung in Bad Belitz. Dem ZEGG, in dem seit 1991 etwa 100 Menschen in einem 15 Hektar großen früheren Stasi-Ausbildungszentrum wohnen, eilen über Deutschland hinaus wilde Gerüchte voraus: Kommune! Freie Liebe! Säxxx! Dieser Ruf hat witzigerweise dazu beigetragen, dass der Hohe Fläming rund um das ZEGG sehr dicht von Alternativen Projekten besiedelt wurde, die ihrerseits ausstrahlten. Die Bio-Abteilung von Edeka ist größer als anderswo, und selbst in den normalen Cafés kriegt man Biopizza.

Drei Bewohnerinnen des ZEGG erzählen sehr freimütig von den vielen Experimenten in der Kommune, unter anderem kollektives Bodypainting mit Spaghetti und Ketchup. “Wir wussten nie genau, ist das jetzt Ernst oder Kunst”, sagt eine. Und schiebt hinterher: “Manche Experimente würden wir heute nicht mehr so machen. Es sind auch Dramen passiert, deren Aufarbeitung lange dauerte.” Aber das Ausprobieren, in welchen sexuellen und basisdemokratischen Formen Menschen zusammenleben können, gehört immer noch zum Kerngeschäft des ZEGG. Und es lebt auch davon – von Tantra-Seminaren, Liebesakademien und derlei Veranstaltungen mehr.

Jetzt gerade habe man eine “anarchische Phase”, berichten sie, in der es darum gehe, “einfach zu machen”, statt monatelang vorher in Plena zu besprechen, was die nächsten Projekte seien. Auch im ZEGG herrschte lange das Konsentprinzip, was aber wohl dazu führte, dass eine einzelne Person durch ihr Veto wochenlang vorbereitete Herzblutprojekte von anderen blockieren konnte. Aufgrund dieser Nachteile wird jetzt stattdessen “Holokratie” ausprobiert.

Ökologisch liegt das ZEGG weit vorn. Eine Pflanzenkläranlage sorgt dafür, dass die Lebensgemeinschaft praktisch abwasserlos lebt. Der Garten liefert Obst und Gemüse für eine weitgehende Selbstversorgung in der Gemeinschaftsküche. Solarthermie, Photovoltaik und eine Holzhackschnitzelheizung mit einem Fernwärmenetz für die 18 Häuser gehören zur Grundausstattung. Und das ganze 15 Hektar große Gelände ist nach Prinzipien der Permakultur aufgebaut worden.

Weiter geht´s zur Hofgemeinschaft Lübnitz.  Hier leben derzeit 23 Erwachsene und 15 Kinder unter anderem in der “Villa Sonnenschein” und praktizieren Solidarische Landwirtschaft, auch SoLaWi genannt. Rund 30 Mitglieder bezahlen pro Kopf und Jahr knapp 1.000 Euro und können sich im Gegenzug wöchentlich auf dem Hof Gemüse und Obst abholen; zu den Kunden gehört auch das ZEGG. Der Markt wird damit ausgeschaltet, und wenn es ans Unkrautzupfen oder Ernten geht, ist auch das Gemeinschaftssache – je nach Bedarf.

Probleme werden auf dem Plenum besprochen – oder auch nicht. Als das erste von zwei Bioschweinen geschlachtet wurde, wollten zu viele nur Filets haben. Also entschieden die beiden Landwirtinnen autonom, aber in guter Kenntnis der jeweiligen Bedürfnisse und Familienstände der 30 SoLaWi-Mitglieder, wie das Schwein zu verteilen sei. Die einen bekamen Filet, den anderen teilten sie Hackfleisch zu, für ihre Spaghetti Bolognese liebenden Kinder. Alle waren am Ende glücklich und zufrieden. Nur das Schwein nicht.

Weiter geht´s Richtung Bahnhof Wiesenburg/ Mark. Obwohl Züge Richtung Berlin-Dessau dort immer noch stündlich halten, stand das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude mit seinen Holzschnitzereien jahrelang leer. Dorothee Bornach konnte und wollte sich das nicht länger ansehen und gründete zusammen mit vier weiteren Wiesenburgern 2010 eine kleine Genossenschaft, die das heruntergekommene Gebäude für 35.000 Euro kaufte. Übrigens nicht von der Deutschen Bahn, sondern von einer Luxemburger Heuschreckengesellschaft, die nach der Wende rund 500 Bahnhöfe zusammengerafft hatte, bloß um sie weiterzuverkaufen.

Aber wie nun die Hütte wieder flottkriegen? Ein Glücksfall ergab sich: Über die rbb-Sendung „96 Stunden Zeit zu helfen“ fanden sich im Herbst 2011 rund 80 Freiwillige ein, die in etwa 1.000 Stunden das von lokalen Handwerksbetrieben gespendete Material im Wert von 20.000 Euro verbauten und das Erdgeschoss sanierten. Im April 2012 konnte das Café Flämingperle eröffnen – und serviert seitdem zu sehr zivilen Preisen den leckersten Kuchen der Region. Im Lädchen nebenan kann man regionale Bioprodukte erwerben. In der ehemaligen Wartehalle finden nun Kunstausstellungen statt, im Güterschuppen Tangokurse und Tanzabende, im Café selbst Kinovorführungen oder politische Veranstaltungen. Derzeit hat die Genossenschaft 35 Mitglieder, die ehrenamtlich den Bahnhof unterstützen. Weitere Unterstützung ist dringend erwünscht, denn die Genossen haben noch viel vor. Kontakt über info@bahnhof-am-park.de.

Wir radeln ins Weltkulturerbe Wörlitzer Park. Heute fast vergessen: der „Musterstaat“, wie olle Marx ihn nannte, von Fürst Franz Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Dessau-Anhalt. „Visionen vor 200 Jahren“, nannte unser Parkführer das großzügige Ensemble von sieben Parkanlagen auf 120 Hektar. Im Zeitalter des Absolutismus war Franz ein Aufklärer, der sich durch englische Gärten und französische Denker inspirieren ließ. Seine Parks offen für das gemeine Volk. Ein Tempel, den Franz nach antisemitischen Ausschreitungen der jüdischen Bevölkerung als Synagoge überließ, um ein Zeichen zu setzen. Zwischen den alten Bäumen Sichtachsen, die Blicke auf barocke und gotische Bauwerke freigeben. Der ganze Park ein gelungenes Ensemble aus Design und Nutzen: entlang der Alleen in fünf Reihen Obstbäume, deren Ertrag in guten Jahren ein Fünftel des Staatssäckels füllte. Im Schnittpunkt von Sichtachsen kein prunkvolles Schloss, sondern ein vertiefter Sitz: „im Mittelpunkt der Mensch“. So war auch das Bildungssystem von Fürst Franz ausgerichtet: Seine Landschulreform brachte Schulen bis in kleine Dörfer; hier entstand ein weltoffenes Bürgertum, das schließlich auch den Boden bereitete für die Entstehung des Bauhauses in Dessau.

Das Bauhaus war denn auch unsere nächste Station. Ein großartiges lichtdurchflutetes Gebäude in einer schwierigen Umgebung. Dessau schrumpfte nach der Wende um ein Drittel, die unzähligen Plattenbauten standen leer und verfielen, eine Abwärtsspirale entstand. Heike Brückner von der Stiftung Bauhaus Dessau erzählt uns, wie eine mutige Stadtregierung viele Bauten einreißen ließ, im Dessauer Quartier „Am Leipziger Tor“ etwa die Hälfte, und dazwischen grüne Brachen schuf. Hier entsteht nach und nach in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen, Bürgern und Betrieben eine „urbane Farm“ mit „essbaren Stadtgärten“. Mehrere Großbeete, etwa mit einer blauen Kartoffelsorte, sind bereits angelegt.

Aber, huch, plötzlich sehen wir uns alle mit Spaten, Rechen, Spitzhacken und Gartenscheren in der Hand wieder. Arbeitseinsatz! Ein riesiger Berg Muttererde wartet darauf, zu einem neuen Großbeet ausgeharkt zu werden, eine Parkbank soll einbetoniert, Hecken rund ums Frauenzentrum versetzt werden, während die eigentlichen Bewohnerinnen und Nachbarn uns spitzbübisch grinsend fotografieren. Also gut, und wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt, nein, natürlich das Bruttosozialglück. Und werden mit einem fürstlichen Essen im Frauenzentrum belohnt.

Was für ein Spaß. Aber im Nachhinein komme ich doch ins Grübeln. Glücksökonomische Selbstorganisation sollte eigentlich bedeuten, dass niemand mehr für andere agiert, sondern alle Beteiligten mit anderen. Im intellektuellen Zentrum Bauhaus denkt man sich Projekte aus, die gewiss schön, sinnvoll und kreativ sind, aber keineswegs massenhaft durch Betroffene unterstützt werden. Manche wie die ältere Frau am Esstisch des Frauenzentrums findet Abriss und Gartenanlegung explizit „blöd“, ohne benennen zu können, warum. Wohl aus einer Gefühl des Verlustes, des Abgehängtwerdens heraus. Das Defizitäre hängt wie eine Wolke der Depression über solchen Menschen. Für eine Gesellschaft des Degrowth gibt mir das zu denken.

Ganz anders hingegen das Projekt Landlebenkunstwerk in Quetzdölsdorf – das inklusivste, das wir auf der Fahrt kennengelernt haben. “Jeder, der zur Tür reinkommt, gehört zu uns”, sagen die InitiatorInnen Christine Wenzel und Veit Urban, die das alte Pfarrhaus und Schloss in Quetz zu einer Begegnungsstätte für Jugendliche allen Alters und aus allen Herren und Damen Ländern ausgebaut haben. Ihr Bauhaus ist ein Baumhaus, das nicht für Kinder gebaut wurde, sondern zusammen mit ihnen. Ihr Wald ist ein Kletterwald, in dem man den eigenen Mut ausprobieren kann. Ihr Garten ist eine Bioparadieschen mit “essbaren Pfaden”, dessen Gärtner die Gemeinschaft sowie eine Foodkoop in Halle versorgt. “Wir entwickeln uns durch unser Tun”, sagen sie, und deshalb arbeitet bei ihnen etwa ein früherer Dorfsonderschüler als Dozent, der studierte Ingenieure und Architektinnen in die Kunst des Kartoffelanbaus einweist. Eine ganz neue Anerkennung für abgehängte Dörfler – das birgt viele glücksökonomische Momente.

Alle Bilder: Thomas Dönnebrink

 

Glücksökonomie – unsere Rechercheerfahrung

 

Glücksökonomie – was soll denn das sein? Ganz einfach: alle Formen des Wirtschaftens, welche die Lebenszufriedenheit von Menschen und Gesellschaften fördern. Die internationale Glücksforschung liefert klare Kriterien: Eigentum und Geld steigern das Wohlbefinden nur begrenzt; Kooperation macht weit glücklicher als Konkurrenz und Statusstress; Menschen haben Spaß am Teilen und Teilhaben, weil sie soziale Wesen sind. Das widerspricht allerdings den gegenwärtigen Formen des Wirtschaftens. Auch können Ökonomen das Zahlenwunder nicht erklären, dass Solidarität, Lebenszufriedenheit, Lachen und Glück sich mehren, wenn man sie teilt. Das Buch „Glücksökonomie. Wer teilt hat mehr vom Leben“, das am 29.August im oekom-Verlag erscheint, hat uns beim Recherchieren viel Spaß gemacht und uns selbst verändert. Wir haben viele sehr eigenwillige und willensstarke Persönlichkeiten kennengelernt, die zukunftsweisende Projekte aufgebaut haben und “Geschichten des Gelingens” zu erzählen wissen.

Wir haben selbst erlebt, wie Peer-to-Peer funktioniert und sich anfühlt: Kommunikation unter Gleichen und auf Augenhöhe wirkt stärkend und beflügelnd für alle Beteiligten. Die Empathie und Offenheit unserer Gesprächspartner hat sichauch auf uns übertragen und beim Verfassen des Manuskripts eine positive Energie freigesetzt.

Ein Großteil der Gedanken, Ideen und Schlussfolgerungen in diesem Werk sind untrennbar mit unseren Gesprächspartnerinnen und -partnern oder den Aufsätzen und Büchern anderer Menschen verknüpft – und doch lässt sich vieles nicht Einzelnen zuordnen, sondern hat sich im Prozess der Vernetzung entwickelt. Solche neuen Formen von Kollektivität basieren auf einer Wertschätzung vielfältiger Individualität, bei der die Einzelnen sich nicht dem großen Ganzen unterordnen, sondern darin einen selbstgewählten, ihnen angenehmen Platz finden. Wir selbst sind Zeuginnen: Wer teilt, hat mehr vom Leben.