Aktionsplan zur Förderung des Guten Lebens

Bindungen und Empathie pflegen

Das Wertvollste auf der Welt und was zugleich am meisten glücklich macht, sind freundliche, empathische Beziehungen in Liebe, Familie, Freundschaft und Gemeinschaft. Gerade für Männer, die sich oft schwerer auf Beziehungen einlassen als Frauen, weil das herrschende Männlichkeitsideal Unabhängigkeit und aggressive Coolness betont, ist interessant zu wissen: Bindungen machen unabhängig und fördern unsere individuelle Autonomie.i Nur sie geben jene soziale Sicherheit und Geborgenheit, die wir alle brauchen.

Philosophien wie »Buen Vivir« oder »Ubuntu« besagen: Ich kann nicht glücklich sein, wenn du unglücklich bist; wir gehören alle zusammen. Die große ökosoziale Transformation könnte Waren durch Beziehungen ersetzen, Menschen in Verbindung zueinander bringen und das Netz zwischen Menschen und Natur flicken.


Konkurrenz meiden, Kooperation fördern

Wir haben mit vielen Beispielen gezeigt: Konkurrenz macht unglücklich, Kooperation glücklich. Um das allgemeine Zufriedenheitsniveau zu heben, hört man am besten auf mit dem dauernden Gerede über Wettbewerb, dem Berechnungs- und Evaluationswahn, mit Quantitäten und ›Quantitätern‹. Jeder Betrieb, der sich solidarisch mit anderen verknüpft, ist ein Glücksgewinn für die Welt.


Selbst- und Mitbestimmung stärken

Die Einwohner der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie oder von Ländern mit starken Frauen- und Minderheitsrechten sind zufriedener als andere, besagt die Glücksforschung. Das eigene Lebensmodell selbst wählen, die eigenen Lebensumstände kontrollieren zu können macht glücklich. Dasselbe gilt für jede Form und Erfahrung der Selbstwirksamkeit.


Altruismus pflegen

Hunderte von Studien haben immer wieder bestätigt: Menschen geben lieber als zu nehmen. Egoisten sind tendenziell unglücklich, Altruisten glücklich – auch weil Geben und Teilen das AnSehen einer Person erhöht. Allerdings wird Altruismus oft falsch verstanden. Es geht nicht darum, die eigene Person zu vergessen, sondern sie im Gegenteil ernstzunehmen. Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper und der eigenen Seele ist unabdingbar für Achtsamkeit gegenüber anderen. Altruismus ist letztlich die klügere Form von Egoismus.


Selbermachen und selbst ernähren

Es gibt eine neue Sehnsucht nach dem Echten, Unverfälschten, nicht Warenförmigen; nach Gärtnern, Einkochen, Nähen und Basteln wie zu Omas Zeiten. Die Bewegung des »Do-It-Yourself« and »Do-It-Together« macht sich in Stadtgärten, Fablabs und Repaircafés bemerkbar. Elemente verschiedener Zeiten schließen miteinander Freundschaft: Dörfliche Gemeinschaftsbildung verbindet sich mit urbanen Freiheitsgefühlen.

Vornehmlich der urbane Selbstanbau von Lebensmitteln ist ein begrüßenswerter Welttrend: Gärtnern erdet Menschen, schont Ressourcen, macht Entfremdung rückgängig, fördert Rückbindungen an die Natur und ist beglückend. Tomaten schmecken ganz anders, wenn wir sie selbst gezüchtet haben oder zumindest wissen, in welchem Gewächshaus sie sich hochrankten. Je mehr wir selbst die Erfahrung machen, wie vieler Pflege ein einziger Tomatenstock bedarf, desto mehr wissen wir sein Wachsen wertzuschätzen, desto achtsamer ist unser Umgang mit Lebensmitteln, desto weniger werden wir wegwerfen.


Artenvielfalt vergrößern

»Das Lebende lebendiger werden lassen!«, formulierte der Physiker und alternative Nobelpreisträger Hans-Peter Dürr eine Leitlinie für gutes Gelingen und Gedeihen. Pflanzliche, tierische und menschliche Artenvielfalt stärkt das Leben und die Widerstandsfähigkeit gegen Katastrophen. Vom Ökosystem wissen wir das längst, aber auch in menschlichen Gesellschaften gilt der Grundsatz, dass sie robuster, kreativer und freundlicher sind, je mehr ihre Beteiligten ihre Unterschiede in Geschlecht, Alter, Kenntnissen und Kultur zum Ausdruck bringen können. Unsere Diversität ist unser Reichtum und unsere Stärke – und jeder, der das Gegenteil behauptet, ist ein ›Verarmer‹.

Die Trennung von Mensch und Natur ist künstlich: Ohne die Großzügigkeit der Natur können wir keinen Tag überleben. Deshalb braucht auch sie Rechte, damit ihre Ressourcen nicht weiter ausgeschlachtet werden und wir am Ende mit ihr sterben. Menschenrechte sollten ergänzt werden durch Rechte für Tiere und Pflanzen. Das heißt nicht, dass wir sie nicht nutzen und verzehren dürfen, sondern dass auch sie ein Recht auf gutes Leben und Gedeihen haben. »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will«, hat Albert Schweitzer formuliert.


Hierarchien abbauen, von Gleich zu Gleich leben

Hierarchien machen unglücklich, weil sie das ›Rattenrennen‹ der Statuskonkurrenz anstacheln. Wer in Alltag und Beruf unter hierarchischen Systemen leidet, sollte sich überlegen, ob er oder sie – wie die Bremer Stadtmusikanten – irgendwo anders eine bessere Alternative findet. Peer-to-Peer-Gruppen machen glücklich, weil sie das eigene Potenzial entwickeln und entfalten helfen. Wer in solchen Gruppen von Gleichgesinnten arbeitet, weiß, wie oft dort ein kreativer, glücklich machender Flow entsteht: Zwischen Peers fließt das Dopamin.


Neue Formen der Bildung

Im Bildungsbereich verstoßen hierarchische Systeme und »Stoff-In-Kopf-Stopf-Fabriken«, wie die meisten Schulen und Universitäten genannt werden können, gegen elementare Glücksregeln, weil sie durch ihr starres Regelwerk die angeborene Neugier und Lernfreude zerstören. Am meisten lernen wir von jenen, die uns auf Augenhöhe begegnen. Immer weiter lernen ist ein menschliches Grundbedürfnis, es hält das Hirn fit, den Menschen jung und glücklich und Glückshormone am Fließen. Manche Schulen haben inzwischen ein Schulfach »Glück« eingeführt; Evaluierungen zeigen, dass die so Unterrichteten nachhaltig glücklicher, stressresistenter, selbstbewusster und sozial kompetenter geworden sind.


AnSehen statt Geld

AnSehen und Angesehenwerden ist das Ziel und Glück fast aller Menschen. Ein »Rolls Royce« verspricht Reputation, Ruhm und Respekt. Doch er ist nur ein – teurer! – Umweg. Je mehr wir AnSehen demokratisieren und in gegenseitigem Respekt von Gleich zu Gleich miteinander leben, desto weniger brauchen wir Geld für Prestige und Prominenz.


Materielle Unterschiede verringern, Egalität fördern

Gesellschaften mit gleichmäßiger materieller Verteilung sind nachweislich glücklicher. Ungleichheit ist ein Schadstoff, der ganze Nationen vergiftet, auch Reiche vereinsamen lässt und unglücklich macht. Die heutigen extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich sind eine Bedrohung für die ganze Welt – das haben inzwischen längst auch die Klügeren auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos begriffen.

Wozu brauchen wir überhaupt Bankkonten mit so vielen Nullen? Am Wohlergehen der Banken- und Versicherungsbranche kann man den Pegel der Angst in einer Gesellschaft ablesen. Die Branche lebt vom Wahn der Menschen, sich gegen Leid und Schmerz absichern zu können. Sinnvoller ist es, sich den eigenen Ängsten zu stellen – und vor allem soziale Netze zu bilden. Sie sind in Krisenzeiten das einzig Tragfähige, nicht Bankkonten.


Teilen und gemeinsam nutzen, beitragen statt eintauschen

Wer teilt, hat mehr vom Leben. Glück, Wissen und Lachen gehören zu jenen Dingen, die sich vermehren, wenn man sie teilt. Teilen ist ein sozialer Prozess und verstärkt positive Feedback-Schleifen. Wertschätzung statt Wertschöpfung, beitragen statt eintauschen, teilhaben und nutzen statt kaufen: Das sind Elemente eines neuen menschen- und naturfreundlichen Lebensstils. Nicht berechnendes »Sharing« und »Caring« tragen dazu bei, die »Ökonomie« wieder ganzheitlich wahrzunehmen, angelehnt an den aus dem Griechischen stammenden ursprünglichen Wortsinn der »Haushaltslenkung«.


Zeitwohlstand mehren

Etwa 80 Prozent unseres Alltags besteht aus Routinen – vieles davon schadet uns selbst und anderen. Gehetzte Politiker und Manager sind trotz ihrer Privilegien nicht glücklich, gestresste Angestellte und Arbeiter erst recht nicht. Viele Menschen haben heute keine andere Wahl, als sich in schlechten Jobs ausbeuten zu lassen, andere trauen sich nicht, einen neuen Lebensstil mit weniger Geld, Besitz und Reputation zu pflegen. Mutige Frauen und Männer könnten mit sinnlosen Tretmühlen Schluss machen, sich Muße und Zeit für sich selbst nehmen, sich freundschaftlich Kindern, Nachbarn, Fremden und der Umwelt widmen, die Schönheit pflegen und genießen.

Nur wer Muße hat kann darüber nachdenken, welche Alltagsroutinen er oder sie ändern könnte. Gruppen und Institutionen könnten dabei helfen, das umzusetzen. Eine allgemeine Verkürzung der Erwerbszeit wäre ein wichtiger Schritt.


Selbstorganisation von Arbeit fördern

»Wer macht die miesen Jobs in einer Gesellschaft?«, fragen viele. Dabei bleiben uns manche entwürdigenden, öden und schmutzigen Aufgaben erspart, wenn Arbeitsteilung selbstorganisiert verlaufen darf und Arbeitsprozesse entsprechend umgestaltet werden. Im »Föderalen Öffentlichen Dienst für Soziale Sicherheit« in Belgien etwa bestimmen die Menschen selbst, wo, wann und wie sie arbeiten; das Amt gehört deshalb zu den beliebtesten Arbeitsplätzen aller belgischen Bediensteten, und Initiator Frank Van Massenhove wurde 2007 zum »besten Behördenleiter des Jahres« gewählt.

Ökosoziale Produktionsweisen vermeiden zudem Müll. Ökologische Sanitärsysteme, etwa mit Pflanzenkohle, können stinkende Toiletten und Kläranlagen ersetzen, Dünger produzieren und die Klimakrise mildern. Und wenn alle Menschen das machen dürfen, was sie am besten können, bleibt erfahrungsgemäß kaum eine Aufgabe unerledigt.


Gemeingüter schützen

Wir brauchen Commons viel mehr, als uns bewusst ist – die Natur, die Erdatmosphäre, Sprache, Kultur, Musik, Wissen, öffentliche Räume. Sie tragen zu unserem Wohlbefinden bei, lassen unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten wachsen und sprießen. Gemeingüter zeigen, dass es zwischen Markt und Staat eine Alternative gibt, die es wertzuschätzen und zu verteidigen gilt. Lasst weltweit Erzeuger-Nutzer-Gemeinschaften entstehen!


Open Source als Lebensprinzip

Warum sollte die Menschheit so dumm sein, dasselbe immer und immer neu wieder zu erfinden? Viel schneller lassen sich Probleme lösen, wenn die Erkenntnisse und Einsichten anderer genutzt werden können. Und warum sollte man kluge Lösungen für sich behalten? Es ist doch viel beglückender zu wissen, dass man anderen hilft – ganz ohne zusätzlichen Aufwand. Das ist das Prinzip von »Open Source«. Das Internet macht es sehr einfach, vielfältiges Wissen ohne Aufwand zu teilen.

Die Zukunft könnte in Plattformen von Gleichgesinnten liegen, auf denen Gruppen und Gesellschaften Open Source aus offenen Quellen schöpfen können. Unternehmen und selbst Staaten könnten als Plattformen organisiert werden, auf denen Ressourcen zur Erfüllung von Grundbedürfnissen billig oder gratis zur Verfügung gestellt werden. So etwas soll gerade in Ecuador versucht werden – Ausgang offen.


Transparenz und öffentliche Kontrolle

Es ergibt Sinn, bestimmte Infrastrukturen nur einmal aufzubauen und so gut wie möglich auszustatten. Das gilt für die Wasserversorgung genauso wie für Suchmaschinen im Internet. Entscheidend ist, dass jeder und jede kontrollieren kann, wie und nach welchen Kriterien sie funktionieren – und die Öffentlichkeit sie zu ändern vermag. Ihre Konstruktion muss transparent sein und zugleich die Privatsphäre der Nutzenden schützen.

Klar ist, dass das nicht zum Nulltarif zu haben ist: Gemeingüter müssen gepflegt werden. Die Finanzierungsformen haben allen die gleiche Nutzung zu ermöglichen – unabhängig vom Einkommen.


Aus offenen Quellen schöpfen, Kraken verhungern lassen

Das World Wide Web ist ein Mittel – und wie jedes Werkzeug unterschiedlich einsetzbar. WWW kann für Watching, Wachstumswahn und Wettbewerb stehen – oder für Wohlergehen, Wunder und Welterfahrung. Wer Google, Facebook, Microsoft, Apple und Amazon weiter Daten und Gelder in den Rachen wirft, trägt zu Freiheitsraub und Selbstversklavung bei. Heute gibt es Alternativen und Open-Source-Quellen in fast allen Bereichen des Internets.

Dasselbe Prinzip gilt anderswo: Wer freiwillig Großbanken, Billighandelsketten, Energiekonzerne und andere Riesenkraken füttert, ist mit dafür verantwortlich, dass es mit der Glückswirtschaft nicht voran geht. Fast überall gibt es inzwischen kleinere, ökosoziale Unternehmen, die Unterstützung verdienen. Faire Produkte zu kaufen macht glücklich, weil man kein schlechtes Gewissen verdrängen muss.


Offline hat Vorrang vor Online

Das Internet bietet zweifellos grandiose neue Möglichkeiten globaler Vernetzung, überfordert uns aber auch. Viele Menschen starren heute zwölf Stunden täglich auf Bildschirme – von Computern, Smartphones, Fernsehern. Doch virtuelle Freundschaften sind virtuell, nur echte sind echt und durch nichts zu ersetzen. Wenn unsere Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit gefährdet sind und damit die oft wichtigsten Glücksfaktoren überhaupt, drücken wir besser den Ausknopf. Offline ist fürs Glück weit wichtiger als Online.


Dialog gedeihen lassen

Fernseh-Talkshows haben unsere Kommunikationskultur verdorben. Pro- und Contra-Positionen werden gnadenlos aufeinander gehetzt, ruhige Argumentationen sind fast unmöglich geworden, Zuhören und Ausredenlassen ebenso. In solchen Gegebenheiten ist kein Lernen, kein Kompromiss, kein gemeinsamer Fortschritt möglich. Echter Dialog aber entwickelt Respekt vor anderen und sieht deren Sichtweisen als Korrektur und Bereicherung der eigenen an. Dialogfähigkeit bedarf immer der Übung, in kleinen Gruppen und auf großen Bühnen.


Das Solarzeitalter leben

Wir sind Sonnenkinder, alles Leben auf der Erde beruht letztlich auf Sonnenenergie. Die fossilen Energiequellen mögen in Frieden in der Erde ruhen. ›Solarkultur‹ kann jeder leben – vom Wechsel zu Ökostromanbietern über kleine Solaraufladegeräte bis zur Unterstützung von Bürgerenergiegenossenschaften und der Verbreitung Erneuerbarer Energien auf der ganzen Erde. Deutschlands Energiewende gilt als Vorbild in der Welt. Wir tragen die Verantwortung, sie voranzutreiben.


Trauern und hoffen lernen

»Unsere Gesellschaft krankt an ihrem Anthropozentrismus«, sagt Joanna Macy, Vordenkerin der »Tiefenökologie«. Den Menschen als ›Maß aller Dinge‹ zu sehen führe zu einem Zusammenbruch unserer Beziehungen zur Mitwelt, zum kollektiven Dichtmachen, zu Verdrängung, Panik, irrationalem Verhalten, religiösem Fundamentalismus, zu Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit oder zu tiefer Depression. »Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt fühlen, unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann wird er zum lebendigen Beweis unserer Verbundenheit mit allem Lebendigen. Und er befreit unsere Hilfsbereitschaft.«

Joanna Macy ist dankbar, »in einer Zeit zu leben, die so sehr zur Veränderung herausfordert und diesen sinnlichen, fast erotischen Instinkt in uns weckt, das Leben zu erhalten.« Das Netz der Natur trägt uns weiterhin.


Den öffentlichen Diskurs über das gute Leben pflegen

Wie viel ist genug? Um ein erfülltes, sinn- und lustvolles Leben zu führen, ist weniger oft mehr, etwa wenn wir Entschleunigung erfahren, Essen oder Kunst genießen oder etwas selber machen, statt es zu kaufen. Der Umweltpsychologe Marcel Hunecke empfiehlt drei Strategien, um individuelles und kollektives Glück zu fördern: das vergnügliche Leben (Genussfähigkeit), das engagierte Leben (Zielsetzungen), das sinnbestimmte Leben (Sinn). So kann es gelingen, mit weniger Geld Lebenszufriedenheit zu steigern.


Das herrschende System kreativ durchwuchern, nicht frontal bekämpfen

Phänomene wie die weltweite Bewegung der SharEconomy sind politisch nicht mehr klar einzuordnen. Hier tummelt sich das junge urbane Weltbürgertum, das weit mehr Wert auf Glück statt auf Geld legt, hier gibt es aber auch einen fließenden Übergang zu kommerziellen Unternehmen. Das kann eine Gefahr sein, aber auch eine Riesenchance, weil die Bewegung tief in den Mainstream reicht und mit ihren Ideen den Rest der Gesellschaft anstecken kann.


Kollaborative Demokratie ausprobieren und zum Metaschwarm erweitern

Auch direkte Demokratie ist weiter entwickelbar, etwa indem Vorschlägen stufenweise von 0 bis 100 Prozent zugestimmt werden kann. Der Schweizer Volksentscheid über 1:12 als maximaler Gehaltsunterschied wäre wohl vor dem Scheitern bewahrt worden, wenn die Alternative nicht alles oder nichts geheißen hätte. Ähnlich funktioniert das »systemische Konsensieren«: Zivilgesellschaftliche Gruppen stimmen kontroverse Vorschläge nicht gegeneinander ab, sondern messen für jeden Vorschlag den Widerstand. Zwei Hände hoch bedeuten »sehr dagegen«, eine Hand »eher dagegen«, keine Hand »dafür«.

Wir verfügen inzwischen über ein Fülle von Methoden der Partizipationsförderung, die Spaß machen und das Glück mehren – etwa »Open Space«, »Global Café« und andere. Bildungsreferent Jascha Rohr schlägt in seinem Buch »In unserer Macht« vor, als »fünfte Gewalt« eine »Bundeswerkstatt« einzurichten, in der politische Prozesse spielerisch und kreativ angegangen werden. Das gilt auch und gerade für so umstrittene Themen wie »Stuttgart 21«.

Solche kollaborativen P2P-Gruppen wirken wie Schwärme. Schließen sie sich zu dichteren Netzwerken zusammen, entstehen Schwärme von Schwärmen. Direkte Demokratie könnte wie ein Metaschwarm funktionieren.


Dem Lokalen den Vorzug geben

Je mehr die Globalisierung fortschreitet, desto anonymer, intransparenter und unethischer werden Handlungsketten von transnationalen Konzernen. Eine Jeans etwa durchläuft weit mehr als ein Dutzend Stationen – angefangen von usbekischen Kinderarbeitern, die zur Baumwollernte gezwungen werden, über die Färbung in Bangladesch, die die Flüsse vergiftet, bis hin zu jungen unterbezahlten Näherinnen in Vietnam. Die Relokalisierung unserer Wirtschaft ist deshalb eine Riesenchance. Wenn wir unsere eigenen Hosen nähen, Räder reparieren, Lebensmittel erzeugen, vermindert das die Ausbeutung von Mensch und Natur, schafft Transparenz und Jobs, spart Unmengen von Ressourcen und Transporte und belebt den lokalen Geist von Gemeinden und Gemeinschaften. Aus Nachbarschaften werden ›Machbarschaften‹ und gelebte Subsidiarität.


Dezentralität und kleinteilige Produktion fördern

Eine am Bedarf orientierte Produktion ist dezentral, weil die Hersteller nur so die Anforderungen und Bedürfnisse der Nutzenden kennen können. Ökosoziales Design orientiert sich am gesamten Lebensweg des Produkts und nicht nur an der Nutzungsphase. Materialien müssen ungiftig und leicht identifizierbar sein, die Konstruktion modular, einfach demontierbar und reparaturfreundlich.


Fehlerfreundliche Techniken bevorzugen

Großtechniken des Industriezeitalters wie Atomkraftwerke, auf Erdöl basierende Chemie oder grüne Gentechnik haben eine große Eingriffstiefe in die Natur. Sie sind mit unbeherrschbaren, großflächigen Gefahren verbunden, die viel Leid bei Mensch und Natur verursacht haben und verursachen. Eine Glückswirtschaft setzt auf kleinteilige, fehlertolerante Techniken. Hier darf und soll sogar auch mal etwas schief gehen – davon können alle lernen, und schlimmstenfalls hat das nur lokale Folgen.


Erproben und experimentieren

Anders als früher, etwa in Zeiten einer starken marxistischen Arbeiterbewegung, erleben wir heute viel mehr Praxis als Theorie. Kein fertiges Wissen zur Hand zu haben, wie die ökosoziale Transformation zu gestalten ist, ist von Vorteil. Den »Commonisten« von heute geht es – anders als den Kommunisten von damals – um lokales, selbstbestimmtes Handeln.


Umorientieren auf das Bruttosozialglück

Bhutan und andere Länder zeigen, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf andere Ziele justiert werden können: Die Förderung von Glück und nicht länger von Wachstum steht dann im Zentrum. Selbstverständlich darf der Staat Glücksgüter weder vorschreiben noch verteilen, er soll nur ihre Erreichbarkeit ermöglichen, also alles, was gelingende Beziehungen, Vertrauen, Freundschaft, Gesundheit, Bildung, Selbstwirksamkeit, Selbst- und Mitbestimmung und intakte Natur fördert.


Wir sind der Wandel!

»Wir sind der Wandel«, schreibt Paul Hawken über die globale Zivilgesellschaft mit ihren Millionen engagierter Aktiver. Auch wenn sie an manchen Tagen nicht sichtbar sind und uns schlechte Nachrichten schier erschlagen: Noch nie in der Geschichte haben sich so viele Menschen für Menschenrechte, Gerechtigkeit und den Schutz des Planeten eingesetzt.

Fünf Prozent eines tierischen Schwarms reichen aus, um diesen in eine andere Richtung zu treiben, hat der Verhaltensbiologe Jens Krause festgestellt. Fünf Prozent Entschlossene genügen auch, um eine ganze Gesellschaft umzuorientieren. Wichtig ist nur, dass sie nicht in einer Nische bleiben, sondern sich überall einmischen: in Klimaverhandlungen, politische Reformen, Änderungen des Gesundheits- und Bildungssektors, in Medien, Naturschutz, Stadt- und Verkehrsplanung. Sofern diese fünf Prozent mehr oder weniger bewusst zusammenarbeiten, potenzieren sie gegenseitig ihre Kräfte und ihre Wirksamkeit. So könnte der Wandel bald unumkehrbar werden.


Strategischen Optimismus entwickeln

Gesellschaften sind höchst anfällig für sich selbst erfüllende Prophezeiungen und selbstreferenzielle Feedback-Schleifen. Wer nicht daran glaubt, Erfolg zu haben, hat auch keinen. Er versinkt im grauen Sessel der Depression oder schimpft auf den »bösen, bösen Kapitalismus«. Solche Haltungen machen das System stärker, als es ist.

Denn an sich ist es nicht stark. Es macht Menschen bei steigendem Wohlstand unglücklicher und delegitimiert sich selbst. Eine riesige Mehrheit wünscht sich eine ökosoziale Wirtschaft, in der Geld wieder Mittel statt Selbstzweck ist.


Erfolge feiern!

Viele gesellschaftliche Bewegungen haben auf halbem Weg zum Erfolg aus Erschöpfung aufgegeben, weil sie ihre Etappensiege nicht gebührend zu feiern wussten. Das gilt besonders für protestantisch geprägte Kulturen, in denen das gute Leben schnell zu kurz kommt. Also: Tanzen, Singen, Essen, Trinken, Feste feiern :-)