Ein gutes Leben – aber nicht für alle

Die Bundesregierung hat einen Bürgerdialog zum guten Leben in Deutschland initiiert, der, kaum angefangen, bereits implodiert. Warum? Weil die Kanzlerin nicht umzugehen weiß mit Menschen, denen es aus politisch geplanten und gewollten Gründen hier nicht gut geht.

Bei einem dieser Bürgerdialoge am 16. Juli diskutiert Merkel mit Jugendlichen der Scheel-Schule in Rostock. In der Aula hängt das Transparent „Gut leben in Deutschland. Was uns wichtig ist“. Die 14-jährige Reem Sahwil berichtet der Kanzlerin von der Flucht ihrer Familie aus Palästina über den Libanon nach Deutschland. Seit vier Jahren lebt sie in Rostock, will gerne studieren und ihr Leben planen, aber mit ihrer Familie kann sie jeden Moment in den Libanon abgeschoben werden. „Ich weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht, solange ich nicht weiß, ob ich bleiben kann“, sagt das Mädchen. Solche Fälle würden geprüft, antwortet Merkel, aber „es können nicht alle bleiben“. Vor laufender Kamera beginnt Reem zu weinen.

Die Regierungskoalition hat den restriktiven Umgang mit Flüchtlingen so gewollt und geplant, doch die menschlichen Auswirkungen dieser Politik zu sehen bringt deren Chefin aus dem Konzept. Merkel, ratlos, hart aufgeprallt auf die von ihr mitgeschaffene Realität, versucht Reem mit einem Streicheln zu trösten: „Du hast das doch prima gemacht.“ Äh, bitte? Prima gemacht? Was prima gemacht? Alles nur Schauspiel oder was? Reems Angst und Panik – alles nur Show?

Oder andersrum gefragt: Wer schauspielert hier eigentlich? Was ist mit dem bewussten Ausschließen von Flüchtlingen aus dem guten Leben in Deutschland? Reales mieses Leben trifft auf Politik-Inszenierung – und aus dem geplanten Bürgerdialog weicht jede Luft: pfffffff.
Ute Scheub

Die schönsten Worte der Welt

Bestimmte Vokale in Wörtern verursachen positive oder negative Wirkungen, behaupten die Wissenschaftsjournalistinnen Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen. Auffallend viele positiv besetzte Begriffe haben zum Beispiel ein “i”, etwa Liebe, Frieden, Paradies. Wohl auch deshalb, weil sich der Mund eines Sprechenden tendenziell zu einem Lächeln verzieht, ähnlich wie beim beim Aussprechen eines “ü” oder “ä”. Bei einem “o” oder “u” neigen sich die Mundwinkel hingegen geradezu automatisch der Erde zu.

“Glücklichsein” oder auch “Happiness” müssten so gesehen geradezu medikamentös wirkende Wörter sein, denn man muss sie nur etliche Male hintereinander aussprechen, um besser gelaunt zu werden. Allerdings dürfte es schwierig werden, die notwendige tägliche Dosis zu bestimmen. Um einen handfesten Liebeskummer zu kurieren, muss man wahrscheinlich ununterbrochen das Glüüüüüückliiiiichseiiiiin beschwören – bis man mit einem Knoten in der Zunge schon wieder unglücklich oder geradezu zornig wird.

Vielleicht tut es ja auch eine Kombination von Begriffe. Die Zeitschrift Kulturaustausch hat bereits 2007 weltweit dazu aufgerufen, die schönsten Wörter zu finden. Eine Jury kürte aus knapp 2.500 Einreichungen aus fast 60 Ländern das türkische Wort “Yakamoz” zum Gewinner. Nix mit i, ä, ü! Aber dafür ist seine Bedeutung umso romantischer: “die Widerspiegelung des Mondlichtes im Wasser” oder auch, etwas kürzer: “Meeresleuchten”.

Auf Platz zwei  und drei landeten erstaunlich unromantische, dafür aber hübsch lautmalerische Begriffe: das chinesische “hu lu” für “Schnarchen” und das Luganda-Wort “volongoto” für “unordentlich”. In der engen Auswahl standen auch einige deutsche Wörter, etwa “Fernweh” oder “Kladderadatsch”. Oder auch “Schienenersatzverkehr”,  “Heilbuttschnittchen” und “quietschfidel”.

Das quietschfidele Heilbuttschnittchen quietscht im Schienenersatzverkehr! Bitte wiederholen Sie diesen Satz morgens, mittags und abends 17mal, und Sie sind garantiert glüüüüüückliiiiiich!

Auf gutes Zusammenleben!

Am 3. Dezember 2014 durfte der Glücksforscher Stefan Bergheim als Berater der Bundesregierung erste Ergebnisse seiner Glücksrecherchen  im Kanzleramt vorstellen. Für ihr Projekt “Gut leben – Lebensqualität in Deutschland” will die Regierung nämlich wissen, was den Leuten wirklich wichtig ist, um daraus im Laufe des nächsten Jahres einen “Aktionsplan” zu stricken. Und Bergheim als Direktor des “Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt” hat in zahlreichen Interviews im Frankfurter Raum rausgekriegt: gut zusammenleben ist ihnen am allerwichtigsten. Das sei “das große Aha-Erlebnis” gewesen, staunte er in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio.

Lieber Herr Bergheim, wir wundern uns jetzt ein bisschen, dass Sie das so überrascht. Ähnliches steht in den allermeisten Berichten der internationalen Glücksforschung. Aber gut, man kann ja nicht alles lesen, sonst kommt man ja gar nicht mehr selbst zum guten Leben.

Doch halt: bei der Bundesregierung heißt es “Gut leben”. Zwei ganz gefährliche Buchstaben sind hier ausradiert worden: “Gutes Leben” erinnert nämlich an die indigene Philosophie des “Buen Vivir” in Lateinamerika, und die linken Regierungen von Bolivien und Ecuador haben sie als Staatsziel festgeschrieben.

Schade, dass die Kanzlerin Annette Jensens Einladung zum Kaffee nicht wahrgenommen hat. Wir hätten die zwei kleinen Buchstaben gerettet und ihr unseren “Aktionsplan zur Förderung des guten Lebens” in die Hand gedrückt – gratis, ohne Aufschlag für teure Glücksumfragen und noch teurere Ministerialbeamte, die unschuldige Buchstäblein ausradieren. Und ihr Finanzminister Schäuble  – mit dem übrigens ich weder verwandt noch verschwägert bin, das muss ich aufs Schärfste zurückweisen  –  hätte sich freuen können, wieviel Geld er jetzt schon wieder eingespart hat.

 

Neue Worte braucht die Welt

In Leipzig auf dem Degrowth-Kongress haben wir zusammen mit Silke Helfrich und Thomas Dönnebrink einen Wort-Such-Workshop veranstaltet. Dahinter standen verschiedene Bedürfnisse, um neue Formen des Wirtschaftens zu bezeichnen und zu beschreiben.

I. Zum einen schließen viele englische Wörter wie Commons, Open Source und Open Access viele Menschen aus.
II. Zum zweiten scheint es uns notwendig, zentrale Worte neu – oder wieder – zu besetzen. Beispiele dafür sind Arbeit und Ökonomie. Wer heute von Arbeit spricht, denkt an Erwerbsarbeit. Ökonomie leitet sich ursprünglich vom Griechischen „Oikos“ (οἶκος ) ab , was Haushaltung bedeutet. Doch gegenwärtig assoziiert fast jeder Börsen, Finanzmärkte, Welthandel und Wettbewerb damit. Eventuell muss das mit leichten Abweichungen vom bisher gebrauchten Wort einhergehen
III. Zum dritten wollen wir neue Wörter schöpfen – schließlich geht es ja um neue Formen des Wirtschaftens.
24 Menschen haben mit uns zusammen Worte gewendet und gewendelt. Danke für die vielen Impulse, die wir hiermit als Ausdruck der Schwarmintelligenz als offene Quelle zur Nutzung und Weiterentwicklung veröffentlichen. Es gibt noch viel Bedarf für neue Wortschöpfungen – wie schon daran zu sehen ist, dass viele Felder noch frei sind.

Wir bitten um Ergänzungen!

Worte1

Angela Merkel will sich dem guten Leben widmen

Die Kanzlerin will mit Bürgern über die Frage ins Gespräch kommen, was das “gute Leben” ausmacht – das zumindest hat das Kanzleramt am 2. April angekündigt. Allerdings geht das alles nicht so schnell….ich habe bei der Pressestelle angerufen und habe zunächst niemand erreicht, der irgendetwas dazu sagen konnte. Beim dritten Anruf erfuhr ich, dass da wohl im kommenden Jahr ein Online-Dialog laufen soll.

Aber immerhin kann man zu der Ankündigung jetzt schon Kommentare abgeben – und das habe ich getan – und hoffe, dass das Kanzleramt nun mit mail-Post geflutet wird!

Hier das, was ich an Angela Merkel geschrieben habe:

Sehr gute Idee. Frau Kanzlerin, kommen Sie mit uns BürgerInnen ins Gespräch! Leider habe ich von Ihrer Pressestelle gehört, dass es erst im nächsten Jahr losgehen soll. Warum dauert es so lange – wenn der Dialog mit BürgerInnen doch am Anfang stehen soll?!

Aber wir wollen ja alle entschleunigen. Deshalb empfehle ich Ihnen für einen gemütlichen Abend als Vorbereitung die Lektüre unseres Buches: “Die Glücksökonomie. Wer teilt hat mehr vom Leben”, das Ute Scheub und ich gerade veröffentlicht haben. Darin finden Sie schon viele Anregungen von BürgerInnen: Wir haben Menschen und Projekte besucht, die schon heute beim Wirtschaften völlig andere Prioritäten setzen als Geldvermehrung und Wettbewerb – und das funktioniert! Außerdem haben wir die internationale Glücksforschung populärwissenschaftlich aufgearbeitet und da ist ganz klar: Glücklich machen stabile Beziehungen, eigene Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten, Kooperation und Naturerfahrungen. In der Wirtschaftspolitik spielen diese Kriterien bisher keinerlei Rolle, und so hat sich das BIP zwar immer weiter gesteigert, aber die Zufriedenheit der Bevölkerung nicht. Das sollte doch zu denken geben und bei einer künftigen Gestaltung der Wirtschaftspolitik unbedingt berücksichtigt werden!

Nun wünsche ich Ihnen einen schönen Tag und hoffe auf einen baldigen und intensiven BürgerInnendialog! Wenn Sie Lust haben, können Sie auch gern mal vorbeikommen und wir trinken einen Kaffee.

Viele Grüße
Annette Jensen

Bewundernswerte Selbstorganisation auf der Degrowth

Die Selbstorganisation auf der Leipziger Degrowth hat mich schwer beeindruckt. Auf dem Innenhof der Universität kochte ein Kollektiv, dem zu jeder Zeit genügend Freiwillige zur Seite standen, in großen Bottichen für zwei- bis dreitausend Leute. Andere Ehrenamtliche wuschen ab, versorgten die ReferentInnen der Veranstaltungen mit Material oder saßen an Infoschaltern und organisierten Räume für Open Spaces per Handys und Internet. Alles klappte nach meinem Eindruck reibungslos und besser als unter jeder Regie von Profis.

Ein ähnliches Bild bot sich in den Workshops. Als ich junge Studentin war, erlebte ich Macht- und Hahnenkämpfe in jedem Seminar; polarisierte Kampfabstimmungen, die niemandem nutzten. Heute kennen sich erstaunlich viele junge Leute mit basisdemokratischer Selbstorganisation aus, mit Open Spaces, Fishbowls, Councils, Konsens- oder Konsentdemokratie und wie die Methoden alle heißen. Vielredner und Polarisierer haben dadurch kaum mehr eine Chance. Auch ein Beitrag zur Glücksökonomie!

On the road to happiness

Seit Freitag, den 22. August 2104, strampeln wir unter kundiger Führung von Silke Helfrich und Thomas Handrich dem Leipziger Kongress “Degrowth” entgegen. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierte “politische Radtour – Mit Rückenwind auf den Spuren einer enkeltauglichen Ökonomie” dauert eine gute Woche. Wir besichtigen dabei diverse Projekte im ländlichen Brandenburg und Sachsen-Anhalt, die eine neue Wirtschaftsweise präsentieren – wir würden sagen: glücksökonomische Projekte, weil sie die Lebenszufriedenheit aller Beteiligten erhöhen.

ProjekthausSchild

Die Fahrt beginnt im Projekthaus Potsdam. Nomen est omen: Unter seinen Dächern und in seinem weitläufigen Gelände sind seit 2007 eine ganze Reihe von Initiativen beherbergt. Die alte Fabrikantenvilla, erbaut 1896, dient heute als Jugendbildungsstätte, dort arbeiten heute zudem Antirassismus- und Flüchtlingsinitiativen wie Flüchtlingsrat, Opferperspektive und Women in Exile. Im neuen Passivhaus gibt es sieben Wohneinheiten für etwa 18 Leute. Der Gebäudekauf wurde vom bundesweiten Mietshäuser-Syndikat finanziert.

Das Werkhaus funktioniert ähnlich wie das Haus der Eigenarbeit in München: Man kann dort gegen eine geringe Gebühr für nur vier Euro pro Stunde mit Holz oder Textilien arbeiten, Räder reparieren, den Keramikofen und das Fotolabor nutzen, mit Kindern basteln und vielerlei Dinge treiben. Entsprechend rege ist der Publikumsverkehr. Nachbarn kommen, Jugendliche, internationale Gruppen. Asylsuchende können hier niedrigschwellige Kurse besuchen.

Alle am Projekthaus Beteiligten fällen ihre Entscheidungen basisdemokratisch im wöchentlichen Plenum. Für mich als taz-Gründerin klingt das ein wenig gruselig, denn in den Anfangszeiten der taz haben wir nach demselben Prinzip es geschafft, feste Verantwortlichkeiten und Kompetenzen wegzudelegieren: Alle waren verantwortlich, also niemand. Aber inzwischen sind die basisdemokratischen Methoden ausgefeilter. Es wird niemand niedergestimmt, denn es gilt das Konsens-Verfahren.

Freiland

Nächste Station ist das Freiland Potsdam. Der Name ist gut gewählt, denn in fünf Häusern auf etwa 15.000 Quadratmeter Fläche können sich unter anderem Sprayer in allen künstlerischen Variationen austoben. Hier arbeiten knapp 100 Leute von 40 verschiedenen Initiativen, unter anderem ein Wissenschaftsladen mit Fablab, die Technogruppe Spartacus, das Freie Radio Potsdam, eine Jugendbibliothek, ein Offenes Atelier für Künstler und vieles andere. Auf dem Gelände, das die Stadtwerke vor etwa zweieinhalb Jahren einer Gruppe junger Menschen überließ, gibt es Konzerte, Discoabende, Kleinkunst, Lesungen, politische Veranstaltungen. Auch hier herrscht Basisdemokratie, einmal im Monat wird alles auf dem Plenum besprechen.

Zegg-Garten

Wir radeln weiter zum Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung in Bad Belitz. Dem ZEGG, in dem seit 1991 etwa 100 Menschen in einem 15 Hektar großen früheren Stasi-Ausbildungszentrum wohnen, eilen über Deutschland hinaus wilde Gerüchte voraus: Kommune! Freie Liebe! Säxxx! Dieser Ruf hat witzigerweise dazu beigetragen, dass der Hohe Fläming rund um das ZEGG sehr dicht von Alternativen Projekten besiedelt wurde, die ihrerseits ausstrahlten. Die Bio-Abteilung von Edeka ist größer als anderswo, und selbst in den normalen Cafés kriegt man Biopizza.

Drei Bewohnerinnen des ZEGG erzählen sehr freimütig von den vielen Experimenten in der Kommune, unter anderem kollektives Bodypainting mit Spaghetti und Ketchup. “Wir wussten nie genau, ist das jetzt Ernst oder Kunst”, sagt eine. Und schiebt hinterher: “Manche Experimente würden wir heute nicht mehr so machen. Es sind auch Dramen passiert, deren Aufarbeitung lange dauerte.” Aber das Ausprobieren, in welchen sexuellen und basisdemokratischen Formen Menschen zusammenleben können, gehört immer noch zum Kerngeschäft des ZEGG. Und es lebt auch davon – von Tantra-Seminaren, Liebesakademien und derlei Veranstaltungen mehr.

Jetzt gerade habe man eine “anarchische Phase”, berichten sie, in der es darum gehe, “einfach zu machen”, statt monatelang vorher in Plena zu besprechen, was die nächsten Projekte seien. Auch im ZEGG herrschte lange das Konsentprinzip, was aber wohl dazu führte, dass eine einzelne Person durch ihr Veto wochenlang vorbereitete Herzblutprojekte von anderen blockieren konnte. Aufgrund dieser Nachteile wird jetzt stattdessen “Holokratie” ausprobiert.

Ökologisch liegt das ZEGG weit vorn. Eine Pflanzenkläranlage sorgt dafür, dass die Lebensgemeinschaft praktisch abwasserlos lebt. Der Garten liefert Obst und Gemüse für eine weitgehende Selbstversorgung in der Gemeinschaftsküche. Solarthermie, Photovoltaik und eine Holzhackschnitzelheizung mit einem Fernwärmenetz für die 18 Häuser gehören zur Grundausstattung. Und das ganze 15 Hektar große Gelände ist nach Prinzipien der Permakultur aufgebaut worden.

Weiter geht´s zur Hofgemeinschaft Lübnitz.  Hier leben derzeit 23 Erwachsene und 15 Kinder unter anderem in der “Villa Sonnenschein” und praktizieren Solidarische Landwirtschaft, auch SoLaWi genannt. Rund 30 Mitglieder bezahlen pro Kopf und Jahr knapp 1.000 Euro und können sich im Gegenzug wöchentlich auf dem Hof Gemüse und Obst abholen; zu den Kunden gehört auch das ZEGG. Der Markt wird damit ausgeschaltet, und wenn es ans Unkrautzupfen oder Ernten geht, ist auch das Gemeinschaftssache – je nach Bedarf.

Probleme werden auf dem Plenum besprochen – oder auch nicht. Als das erste von zwei Bioschweinen geschlachtet wurde, wollten zu viele nur Filets haben. Also entschieden die beiden Landwirtinnen autonom, aber in guter Kenntnis der jeweiligen Bedürfnisse und Familienstände der 30 SoLaWi-Mitglieder, wie das Schwein zu verteilen sei. Die einen bekamen Filet, den anderen teilten sie Hackfleisch zu, für ihre Spaghetti Bolognese liebenden Kinder. Alle waren am Ende glücklich und zufrieden. Nur das Schwein nicht.

Weiter geht´s Richtung Bahnhof Wiesenburg/ Mark. Obwohl Züge Richtung Berlin-Dessau dort immer noch stündlich halten, stand das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude mit seinen Holzschnitzereien jahrelang leer. Dorothee Bornach konnte und wollte sich das nicht länger ansehen und gründete zusammen mit vier weiteren Wiesenburgern 2010 eine kleine Genossenschaft, die das heruntergekommene Gebäude für 35.000 Euro kaufte. Übrigens nicht von der Deutschen Bahn, sondern von einer Luxemburger Heuschreckengesellschaft, die nach der Wende rund 500 Bahnhöfe zusammengerafft hatte, bloß um sie weiterzuverkaufen.

Aber wie nun die Hütte wieder flottkriegen? Ein Glücksfall ergab sich: Über die rbb-Sendung „96 Stunden Zeit zu helfen“ fanden sich im Herbst 2011 rund 80 Freiwillige ein, die in etwa 1.000 Stunden das von lokalen Handwerksbetrieben gespendete Material im Wert von 20.000 Euro verbauten und das Erdgeschoss sanierten. Im April 2012 konnte das Café Flämingperle eröffnen – und serviert seitdem zu sehr zivilen Preisen den leckersten Kuchen der Region. Im Lädchen nebenan kann man regionale Bioprodukte erwerben. In der ehemaligen Wartehalle finden nun Kunstausstellungen statt, im Güterschuppen Tangokurse und Tanzabende, im Café selbst Kinovorführungen oder politische Veranstaltungen. Derzeit hat die Genossenschaft 35 Mitglieder, die ehrenamtlich den Bahnhof unterstützen. Weitere Unterstützung ist dringend erwünscht, denn die Genossen haben noch viel vor. Kontakt über info@bahnhof-am-park.de.

Wir radeln ins Weltkulturerbe Wörlitzer Park. Heute fast vergessen: der „Musterstaat“, wie olle Marx ihn nannte, von Fürst Franz Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Dessau-Anhalt. „Visionen vor 200 Jahren“, nannte unser Parkführer das großzügige Ensemble von sieben Parkanlagen auf 120 Hektar. Im Zeitalter des Absolutismus war Franz ein Aufklärer, der sich durch englische Gärten und französische Denker inspirieren ließ. Seine Parks offen für das gemeine Volk. Ein Tempel, den Franz nach antisemitischen Ausschreitungen der jüdischen Bevölkerung als Synagoge überließ, um ein Zeichen zu setzen. Zwischen den alten Bäumen Sichtachsen, die Blicke auf barocke und gotische Bauwerke freigeben. Der ganze Park ein gelungenes Ensemble aus Design und Nutzen: entlang der Alleen in fünf Reihen Obstbäume, deren Ertrag in guten Jahren ein Fünftel des Staatssäckels füllte. Im Schnittpunkt von Sichtachsen kein prunkvolles Schloss, sondern ein vertiefter Sitz: „im Mittelpunkt der Mensch“. So war auch das Bildungssystem von Fürst Franz ausgerichtet: Seine Landschulreform brachte Schulen bis in kleine Dörfer; hier entstand ein weltoffenes Bürgertum, das schließlich auch den Boden bereitete für die Entstehung des Bauhauses in Dessau.

Das Bauhaus war denn auch unsere nächste Station. Ein großartiges lichtdurchflutetes Gebäude in einer schwierigen Umgebung. Dessau schrumpfte nach der Wende um ein Drittel, die unzähligen Plattenbauten standen leer und verfielen, eine Abwärtsspirale entstand. Heike Brückner von der Stiftung Bauhaus Dessau erzählt uns, wie eine mutige Stadtregierung viele Bauten einreißen ließ, im Dessauer Quartier „Am Leipziger Tor“ etwa die Hälfte, und dazwischen grüne Brachen schuf. Hier entsteht nach und nach in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen, Bürgern und Betrieben eine „urbane Farm“ mit „essbaren Stadtgärten“. Mehrere Großbeete, etwa mit einer blauen Kartoffelsorte, sind bereits angelegt.

Aber, huch, plötzlich sehen wir uns alle mit Spaten, Rechen, Spitzhacken und Gartenscheren in der Hand wieder. Arbeitseinsatz! Ein riesiger Berg Muttererde wartet darauf, zu einem neuen Großbeet ausgeharkt zu werden, eine Parkbank soll einbetoniert, Hecken rund ums Frauenzentrum versetzt werden, während die eigentlichen Bewohnerinnen und Nachbarn uns spitzbübisch grinsend fotografieren. Also gut, und wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt, nein, natürlich das Bruttosozialglück. Und werden mit einem fürstlichen Essen im Frauenzentrum belohnt.

Was für ein Spaß. Aber im Nachhinein komme ich doch ins Grübeln. Glücksökonomische Selbstorganisation sollte eigentlich bedeuten, dass niemand mehr für andere agiert, sondern alle Beteiligten mit anderen. Im intellektuellen Zentrum Bauhaus denkt man sich Projekte aus, die gewiss schön, sinnvoll und kreativ sind, aber keineswegs massenhaft durch Betroffene unterstützt werden. Manche wie die ältere Frau am Esstisch des Frauenzentrums findet Abriss und Gartenanlegung explizit „blöd“, ohne benennen zu können, warum. Wohl aus einer Gefühl des Verlustes, des Abgehängtwerdens heraus. Das Defizitäre hängt wie eine Wolke der Depression über solchen Menschen. Für eine Gesellschaft des Degrowth gibt mir das zu denken.

Ganz anders hingegen das Projekt Landlebenkunstwerk in Quetzdölsdorf – das inklusivste, das wir auf der Fahrt kennengelernt haben. “Jeder, der zur Tür reinkommt, gehört zu uns”, sagen die InitiatorInnen Christine Wenzel und Veit Urban, die das alte Pfarrhaus und Schloss in Quetz zu einer Begegnungsstätte für Jugendliche allen Alters und aus allen Herren und Damen Ländern ausgebaut haben. Ihr Bauhaus ist ein Baumhaus, das nicht für Kinder gebaut wurde, sondern zusammen mit ihnen. Ihr Wald ist ein Kletterwald, in dem man den eigenen Mut ausprobieren kann. Ihr Garten ist eine Bioparadieschen mit “essbaren Pfaden”, dessen Gärtner die Gemeinschaft sowie eine Foodkoop in Halle versorgt. “Wir entwickeln uns durch unser Tun”, sagen sie, und deshalb arbeitet bei ihnen etwa ein früherer Dorfsonderschüler als Dozent, der studierte Ingenieure und Architektinnen in die Kunst des Kartoffelanbaus einweist. Eine ganz neue Anerkennung für abgehängte Dörfler – das birgt viele glücksökonomische Momente.

Alle Bilder: Thomas Dönnebrink

 

Glücksökonomie – unsere Rechercheerfahrung

 

Glücksökonomie – was soll denn das sein? Ganz einfach: alle Formen des Wirtschaftens, welche die Lebenszufriedenheit von Menschen und Gesellschaften fördern. Die internationale Glücksforschung liefert klare Kriterien: Eigentum und Geld steigern das Wohlbefinden nur begrenzt; Kooperation macht weit glücklicher als Konkurrenz und Statusstress; Menschen haben Spaß am Teilen und Teilhaben, weil sie soziale Wesen sind. Das widerspricht allerdings den gegenwärtigen Formen des Wirtschaftens. Auch können Ökonomen das Zahlenwunder nicht erklären, dass Solidarität, Lebenszufriedenheit, Lachen und Glück sich mehren, wenn man sie teilt. Das Buch „Glücksökonomie. Wer teilt hat mehr vom Leben“, das am 29.August im oekom-Verlag erscheint, hat uns beim Recherchieren viel Spaß gemacht und uns selbst verändert. Wir haben viele sehr eigenwillige und willensstarke Persönlichkeiten kennengelernt, die zukunftsweisende Projekte aufgebaut haben und “Geschichten des Gelingens” zu erzählen wissen.

Wir haben selbst erlebt, wie Peer-to-Peer funktioniert und sich anfühlt: Kommunikation unter Gleichen und auf Augenhöhe wirkt stärkend und beflügelnd für alle Beteiligten. Die Empathie und Offenheit unserer Gesprächspartner hat sichauch auf uns übertragen und beim Verfassen des Manuskripts eine positive Energie freigesetzt.

Ein Großteil der Gedanken, Ideen und Schlussfolgerungen in diesem Werk sind untrennbar mit unseren Gesprächspartnerinnen und -partnern oder den Aufsätzen und Büchern anderer Menschen verknüpft – und doch lässt sich vieles nicht Einzelnen zuordnen, sondern hat sich im Prozess der Vernetzung entwickelt. Solche neuen Formen von Kollektivität basieren auf einer Wertschätzung vielfältiger Individualität, bei der die Einzelnen sich nicht dem großen Ganzen unterordnen, sondern darin einen selbstgewählten, ihnen angenehmen Platz finden. Wir selbst sind Zeuginnen: Wer teilt, hat mehr vom Leben.